Mal wieder Camus...
Von Ralf Mydlak 13. März 2021
Seit frühen Tagen begleitet mich Albert Camus, sein Werk ein treuer Weggefährte meiner Gedanken. Und doch – seine Philosophie widerspricht mir tief, ähnlich wie die Nietzsches. Unausgesprochen ruht in seinem Denken die Last des Theodizee-Problems, für das er keinen Trost, keine Antwort kennt. Sein Ausgangspunkt ist stets das „Absurde“.
Dieses Absurde ist für Camus die klare, kalte Erkenntnis: Der Mensch findet keinen Sinn im Leid und Elend der Welt. Doch bleibt er gefangen im Drang nach Sinn, nach Bedeutung. Der sinnstrebende Mensch und die sinnentleerte Welt stehen einander fremd gegenüber, entzweit, ratlos. Es gibt keinen Ausgang aus diesem Dilemma, keine Flucht vor der Absurdität. Allein ihre Annahme eröffnet die Tür zu einer seltsamen Freiheit: ein bewusstes Ja zum aussichtslosen Kampf, ein ewiges, trotziges Aufstehen – wie Sisyphos, der Tag um Tag seinen Stein aufs Neue den Hügel hinaufträgt, getragen von einem höhnischen Trotzdem.
Diese Revolte führt nie ans Ziel, doch in diesem ewigen Ringen erblüht jene tiefe Solidarität, jene Freundschaft und Liebe, die allein unserem Leben Sinn verleihen. Wie Camus es treffend formulierte: „Letztendlich ist es sehr dumm, nur mit der Pest zu leben. Ein Mensch muss natürlich kämpfen... Aber wenn es damit endet, dass er sonst nichts mehr liebt, wofür ist dann das Kämpfen gut?“ (Camus, Die Pest).
Der „absurde Mensch“ bleibt für Camus stets atheistisch – ein Gedanke, der mir fremd ist. Doch ähnlich Nietzsche sieht auch Camus die Leere, die entsteht, wenn eine Welt ohne Gott gedacht wird; eine Leere, die mit Sinn erfüllt werden muss. In diesem Denken unterscheiden sie sich wesentlich von einem dumpfen, mechanischen Atheismus, wie ihn etwa Richard Dawkins vertritt.
So bleibe ich Camus verbunden, trotz der Differenzen – verbunden durch die Schönheit seiner Revolte, durch die unnachgiebige Suche nach Licht in der Dunkelheit.
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