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Jüdisches Leben in Lippstadt

Jüdisches Leben in Lippstadt
von Ralf Mydlak

Über die Jahrhunderte hinweg, durch Zeiten der Hoffnung und der Dunkelheit, hallt das Echo jüdischen Lebens in Lippstadt wider. Einst, in frühen Tagen, zogen Händler durch die Gassen, brachten Waren, Geschichten und Träume mit sich. Doch die Pestpogrome von 1348/1349 ließen ihre Spuren zurück – Stille trat an die Stelle von Stimmen, die einst lachten und handelten. Erst Jahrhunderte später, 1535, tauchten wieder Spuren jüdischen Lebens auf, zart wie ein Neubeginn, doch stets bedroht von den Winden der Zeit.

Im Schatten der Zünfte wurde um 1580/1600 der Ausschluss jüdischer Familien aus der Stadt besiegelt. Doch selbst das Gesetz konnte ihre Präsenz nicht völlig tilgen – sie kamen zu den Jahrmärkten, durch die Straßen von Lipperode, jener Exklave des Landes Lippe, die ihnen einen schmalen Pfad des Daseins bot. Sie umgingen die Schranken der Welt mit Mut und Geschick.

Erst nach 1815 kehrte Leben zurück. Familien wagten den Schritt und fanden Heimat in Lippstadt. Im Jahre 1851/1852 erhob sich ein Zeichen ihres Glaubens, eine Synagoge in der Stiftsstraße – heute die David-Gans-Straße. Am 30. Juli 1852 erklangen dort Gebete, als der Oberrabbiner Dr. Philippsohn aus Magdeburg das Gotteshaus weihte. Die Betstube, zuvor in der Judenstraße, dann in der Marktstraße, wurde durch diesen Ort abgelöst – ein Zentrum des Glaubens, ein Anker der Gemeinschaft.

Die Namen der umliegenden Dörfer – Benninghausen, Dedinghausen, Esbeck, Hellinghausen, Herringhausen, Hörste, Mettinghausen, Rixbeck – reihten sich ein in den neugegründeten Synagogenbezirk Lippstadt. Auf den Friedhöfen, einst an der Burgstraße, später an der Lipperoder Straße, fanden Generationen ihre letzte Ruhe. Ihre Grabsteine erzählen noch heute von einem Leben, das nicht vergessen werden darf.

Die Jahre zogen weiter, und mit ihnen wuchs die jüdische Gemeinde. Einst zwei Familien um 1800, so lebten bis 1890 bereits 270 jüdische Bürger in der Stadt. Von bescheidenem Ursprung aus stiegen viele auf, gründeten Geschäfte, prägten das Wirtschaftsleben. Die Anzeigen aus den 1920er Jahren erzählen von J. Sterns Modewaren, von Kinderkleidung bei Bleyle’s, von technischen Artikeln bei Sally Sax. Die Stadt war belebt, die Zukunft schien gesichert.

Doch dunkle Wolken zogen auf. Im März und April 1933 begann der Boykott jüdischer Geschäfte, doch viele Lippstädter hielten stand und kauften weiter dort ein. Doch 1935 brachte Schmierereien, Einschüchterung und die ersten Geschäftsaufgaben – Meyer & Co, Inh. Max Hirsch, Gebrüder Max und Ludwig Levy, einst blühende Unternehmen, wurden zur Geschichte.

Dann kam die Nacht, in der das Licht verlosch – die „Kristallnacht“, der 9. November 1938. Die Synagoge, das stolze Zentrum des Glaubens, fiel den Flammen zum Opfer. Die Feuerwehr blieb untätig, die Polizei verhaftete 23 Männer, von denen einige nach Oranienburg verschleppt wurden. Es folgten Deportationen, Emigrationen – und schließlich, im Jahr 1942, blieben nur noch vier Juden in Lippstadt zurück, beschützt allein durch ihre „privilegierte Mischehe“.

Das Grundstück der Synagoge wechselte den Besitzer, das Gebäude wurde nach dem Krieg als Lagerhaus genutzt. 1988 stellte man die traurigen Überreste unter Denkmalschutz. Die einst heiligen Mauern verwandelten sich in ein Mahnmal, das bis heute mahnend und erinnernd steht. Zum 70. Jahrestag der „Kristallnacht“ errichtete man ein Edelstahlmodell der Synagoge, eine Gedenkstele mit Fotos verweist auf das, was einst war. Der jüdische Friedhof, seit 2000 unter Denkmalschutz, bewahrt in stiller Würde die Namen derer, die hier ruhten, bevor die Geschichte sie hinwegraffte.

Und so erinnert seit 2003 das „Jüdische Erinnerungszeichen“ an eine Gemeinschaft, die kam, wuchs, litt – und niemals vergessen werden darf.

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