Der
Soldat Wojtek - Der Held der 22.
Kompanie
Archibald Brown hatte
während des Krieges schon viel erlebt. Doch was der Gesandte des
britischen Generals Montgomery im Hafen von Neapel erlebte, verschlug
ihm den Atem. Es war Mitte Februar 1944, als er eine Einheit
polnischer Soldaten empfing, die gerade aus Alexandria eingeschifft
worden waren, um gemeinsam mit den Briten gegen die deutschen und
italienischen Streitkräfte vorzurücken. Browns Aufgabe war es, die
Besatzungslisten zu prüfen und mit den frisch eingetroffenen
Soldaten zu sprechen.
Doch einer schien zu
fehlen. Eine Dienstnummer, ein Soldbuch, alles war vorhanden – nur
der Soldat Wojtek schien spurlos verschwunden zu sein! Brown rief
seinen Namen mehrfach auf, aber niemand antwortete ihm. So fragte er
die anderen Soldaten nach dem Verbleib Wojteks. Na ja, antworteten
die polnischen Kameraden, Wojtek verstehe halt nur Polnisch und
Persisch. Und so führten sie Brown zu einem Käfig. Darin hockte ein
ausgewachsener Braunbär. Dies, so erklärten die Soldaten dem
verdutztem Briten, sei der Unteroffizier Wojtek.
Brown glaubte seinen
Augen und Ohren nicht zu trauen, als er die Geschichte Wojteks
vernahm.
Im Jahr 1942 lag die 22.
Artillerieversorgungskompanie im iranischen Elburs-Gebirge. Sie war
Teil der sogenannten „Anders-Armee“. Diese bestand aus ehemaligen
polnischen Kriegsgefangen, die Stalin freigelassen hatte, nachdem
Russland von seinem einstigen deutschen Bündnispartner angegriffen
wurde. Nahe der westiranischen Stadt Hamadan hatte ein einheimischer
Knabe einen von seiner Mutter verlassenen Bären gefunden. Für ein
paar Konserven verkaufte der Junge den Bären an die Soldaten. Nach
den Strapazen der Kriegsgefangenschaft und fern der Familie und der
Freunde, schien der tapsige kleine Bär die einzige Freude im
entbehrungsreichen Leben der Soldaten zu sein. Und so wurde er ein
Teil ihrer Truppe, aß mit ihnen und wusste auch ein gutes Bier und
Zigaretten zu schätzen.
So folgte ein Kriegsjahr
dem anderen und die Truppe zog weiter nach Ägypten. Von dort sollten
sie am 14.April 1944 nach Neapel verschifft werden, um am
Italienfeldzug der Allierten teilzunehmen. Doch die Hafenbehörden
von Alexandria weigerten sich, den mittlerweile rund 220 Kilogramm
schweren Hühnen an Bord zu lassen. Mitfahren dürften nur polnische
Soldaten!
Der Pole aber ist ein
gewitzter Mensch! Rasch holte man die Genehmigung des Oberkommandos
in Kairo ein und machte den Bären zum Soldaten! Getauft auf den
Namen „Wojtek“, gaben sie ihm Dienstnummer und Soldbuch und
ernannten ihn zum Unteroffizier. Dergestalt als offizielles Mitglied
der polnischen Armee zur Überfahrt legitimiert, ging es nun an Bord!
Die britischen Soldaten
staunten nicht schlecht, als sie mitten in der blutigen Schlacht um
Monte Cassino einen ausgewachsenen Bären erblickten, der seelenruhig
Granaten an ihnen vorbeitrug.
Anders als 1.052 seiner
polnischen Kameraden überlebte Wojtek das Gemetzel. Ihm zu Ehren
wurde später mit Zustimmung des Oberkommandos das Emblem der 22.
Kompanie geändert und zeigte nun einen Bären, der ein großes
Artilleriegeschoss trägt.
Der Krieg ging zu Ende,
aber nicht Wojteks Reise! Gemeinsam mit seinen überlebenden
Kameraden wurde er 1946 nach Schottland verschifft und fand erste
Zuflucht im „Winfield Camp“, einem Armeelager im schottischen
Hutton. Und wie auch für seine Kameraden stellte sich für Wojtek
nach der Demobilisierung der polnischen Armee die Frage: Wohin nun?
Viele seiner polnischen Kameraden wollten nicht zurück in das nun
kommunistische Polen. Und wenn auch die polnischen Behörden
versuchten Wojtek in einen polnischen Zoo unterzubringen: die in
Schottland gebliebenen setzten sich durch und so fand Wojtek eine
neue Heimat im Zoo von Edinburgh, immer wieder besucht von vielen
Kriegsveteranen. Bis zu seinem Lebensende 1963 erinnerte er sich an
den Klang der polnischen Sprache. Sobald er sie vernahm, setzte er
sich aufs Hinterteil und fing an, um Zigaretten zu betteln.
Über seinen Tod hinaus,
bleibt der zottelige Unteroffizier im Gedächtnis vieler Polen und
Schotten ein Wahrzeichen der Verbundenheit beider Länder. Und so
fand im März 2009 im schottischen Parlament ein Empfang zu Ehren
Wojteks statt. Die Bürger Edingburghs nahmen im November 2011 Anteil
an einer Prozession von Soldaten und Dudelsackspielern, in deren
Anschluss der Soldat Wojtek mit einer Grabrede auf Polnisch geehrt
wurde. Im Herzen von Edinburgh soll sogar eine große Bronzestatue zu
Ehren Wojteks errichtet werden. Auch ein Film wurde ihm
gewidmet:“Wojtek – The Bear That Went To War“. Für den
Regisseur Will Hood wirft das Schicksal des „lächelnden Kriegers“
- so die sinngemäße Übersetzung des Namens - existenzielle Fragen
auf: „Dass der Bär selbst geglaubt zu haben scheint, ein Mensch zu
sein, wirft viele interessante Fragen auf. Zum Beispiel: Was bedeutet
das – ein Mensch sein?“
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