Außenlager des KZ Buchenwald in Lippstadt
Auschwitz, Treblinka, Buchenwald – Namen, die stellvertretend für die schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus stehen und uns allen bekannt sind. Weniger bekannt ist jedoch, dass viele deutsche Städte mitten im Alltag zu Schauplätzen dieser Schreckensherrschaft wurden. Im letzten Kriegsjahr entstanden zahlreiche Außenlager der großen Konzentrationslager in unmittelbarer Nähe kriegswichtiger Industriebetriebe, um den hohen Arbeitskräftebedarf der Rüstungsproduktion zu decken.
Auch in Lippstadt gab es zwei Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Sie entstanden im Zusammenhang mit den zwei kriegswichtigen Unternehmen in der Stadt: der „Lippstädter Eisen- und Metallwerke GmbH“ (LEM) und der „Westfälischen Metall-Industrie AG“ (WMI). Die 1935 speziell für Rüstungszwecke gegründete LEM errichtete bereits 1937 auf freiem Feld zwischen Lippstadt und Cappel ein großes Werk. Während des Krieges beschäftigte das Unternehmen zahlreiche ausländische Arbeitskräfte und errichtete dafür Baracken und Unterkünfte direkt am Firmengelände. Daher konnten bei der Ankunft des ersten Transports jüdischer Frauen aus Auschwitz am 31. Juli 1944 drei bereits bestehende Baracken für das „SS-Kommando Lippstadt I“ genutzt werden. Diese befanden sich in der nordöstlichen Ecke des Geländes, südlich der heutigen Kreuzung Graf-Adolf-Straße/Wallensteinstraße, und wurden nur noch mit zusätzlichen Absperrungen versehen. Heute erinnert eine Gedenktafel an diesen Ort und das Schicksal der insgesamt 831 jüdischen Frauen.
Das kleinere „SS-Kommando Lippstadt II“ existierte weniger als fünf Monate und war organisatorisch der WMI zugeordnet. Am 20. November 1944 erreichten zunächst 250 weibliche Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück die Stadt, am 23. Dezember folgten weitere 65 Frauen aus Bergen-Belsen, schließlich kamen kurz vor Kriegsende nochmals 20 Häftlinge hinzu. Die insgesamt 331 Frauen wurden im Zweigwerk der WMI an der Hospitalstraße 46 eingesetzt. Das dortige, um 1900 errichtete Gebäude, das ursprünglich Stammsitz der Firma war, erwies sich durch seine Lage zwischen Wohnhäusern als leicht abzusichern und bot ausreichend Platz für Schlafräume und Werkstätten. Auch hier erinnert heute eine Gedenktafel an das Schicksal der dort inhaftierten Frauen.
Die Bewachung der beiden Außenlager erfolgte durch eigens von der SS eingesetzte Kommandoführer sowie etwa ein Dutzend Wachmänner für das Lager I und ein halbes Dutzend für Lager II. Ergänzt wurde das Wachpersonal durch sogenannte „SS-Helferinnen“, ehemalige Arbeiterinnen und Angestellte aus Rüstungsunternehmen, zu denen auch Frauen aus Lippstadt gehörten. Ihre Aufgabe war es, die Häftlinge während der Arbeitszeit streng zu überwachen und voneinander zu isolieren.
Die Arbeitsbedingungen der Frauen waren in beiden Lagern vergleichbar hart. Während im Lager I bei der LEM schwere körperliche Arbeit in der Produktion von Handgranaten, Munition und Flugzeugteilen gefordert wurde, war die Tätigkeit im Lager II bei der WMI weniger kraftaufwendig, dafür aber hoch konzentriert, etwa bei der Herstellung von Höhenmessern für Flugzeuge. Die Lebensbedingungen unterschieden sich jedoch deutlich: Während bei der WMI offenbar die Einhaltung minimaler Standards, etwa bei der Ernährung und medizinischen Versorgung, etwas besser war, herrschten bei der LEM schlechtere Bedingungen. Misshandlungen wurden ausschließlich aus Lager I gemeldet. Dazu beigetragen haben dürfte, dass die WMI über einen erfahrenen Mitarbeiterstamm verfügte, während bei der neu gegründeten LEM härtere Bedingungen herrschten.
Die Versorgung der Frauen in beiden Lagern wurde allgemein als katastrophal beschrieben. Die tägliche Verpflegung bestand lediglich aus einem undefinierbaren morgendlichen Getränk, einer dünnen Suppe zu Mittag sowie einer kärglichen Abendration aus Brot und gelegentlich etwas Aufschnitt. Dennoch wurde ein gewisses Mindestmaß an Versorgung gewährleistet, da die Betriebe auf eine gewisse Einarbeitung und Kontinuität der Häftlinge angewiesen waren.
Der Gesundheitszustand der Häftlinge variierte stark. Besonders hoch war der Krankenstand im Lager I, da viele Frauen bereits schwer geschwächt aus Auschwitz ankamen. Insgesamt sieben Todesfälle wurden bekannt, alle im Zusammenhang mit dem Lager bei der LEM. Weniger die Arbeit selbst, sondern vor allem die mangelnde medizinische Versorgung und die ungewisse Perspektive nach Beendigung des Arbeitseinsatzes bedrohten die Leben der Frauen massiv.
Als die Front näher rückte, begannen im Februar und März 1945 Evakuierungen. Das Kommando I wurde am 29. März 1945 Richtung Bergen-Belsen geschickt, schaffte es aber aufgrund der Kriegslage nur bis Kaunitz, wo die Frauen von amerikanischen Truppen unverletzt befreit wurden. Dem Kommando II der WMI hingegen erging es schlechter: Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner brach man Richtung Leipzig auf. Nach weiteren Märschen und zahlreichen Opfern auf dem sogenannten „Todesmarsch“ wurde ein Großteil der Frauen schließlich von sowjetischen Truppen in Pirna an der Elbe befreit. Viele der nach Bergen-Belsen zuvor evakuierten Frauen und keines der Kinder überlebten die katastrophalen Verhältnisse dort.
Die Erinnerung an diese dunklen Kapitel der Stadtgeschichte ist eine dauerhafte Verpflichtung. Zutreffend lautet daher der Satz auf den Gedenktafeln in Lippstadt: „Ihr Leid darf nicht vergessen werden.“
Quelle: Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933–1945, herausgegeben von Jan Erik Schulte, Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten in NRW, Verlag Ferdinand Schöningh, 2005.
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