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Conditio Humana

 Conditio Humana

von Ralf Mydlak

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben hat seine Stunde...“ – Dieser Satz, dem Buch Kohelet entnommen, wird oft zitiert und gern bei Hochzeiten verwendet. Doch wer ihn bloß sentimental gebraucht, verkennt die tiefgründige Melancholie und Klarheit, die das Denken Kohelets auszeichnet.

Kohelet steht ursprünglich in der Tradition der Weisheitslehre, die zu ordnen und zu erklären sucht, was in der Welt geschieht. Weisheit, so verstanden, ist das Versprechen, die Welt geistig erfassen und beherrschen zu können. Ein gelungenes Leben ist denen gewiss, die um die Ordnung des Lebens wissen und ihre Regeln befolgen. Doch gerade mit dieser Gewissheit bricht Kohelet radikal und endgültig.

„Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“, so lautet Kohelets ernüchternde Ausgangsfrage. Für ihn ist alles menschliche Tun „Windhauch“ – flüchtig, ungreifbar, ohne bleibenden Sinn. Die Zeit, die uns gegeben ist, bleibt dem Menschen unverfügbar. Der Mensch vermag weder die Gegenwart zu bestimmen noch die Zukunft zu begreifen. Gott ist allmächtig und unergründlich zugleich. „Gott hat alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.“ (Kohelet 3,11).

Die Welt bleibt dem Menschen unbegreiflich. Gottes Wille bleibt verborgen und unvorhersehbar. Doch darin liegt für Kohelet kein Grund zur Verzweiflung. Stattdessen erkennt er in dieser Einsicht eine tiefe, demütige Weisheit: Der Mensch soll annehmen, was Gott ihm schenkt, er soll „fröhlich sein und es gut haben im Leben“ (Kohelet 3,12). Nicht im bloßen Genuss, nicht im zügellosen Hedonismus, sondern in der bewussten Wahrnehmung des Alltäglichen liegt der Schlüssel zum wahren Glück. „Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn was du tust, hat Gott längst festgelegt... Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat“ (Kohelet 9,7ff.).

Doch diese Tage bleiben flüchtig, unbeständig, „voll Windhauch“. Kein Augenblick lässt sich berechnen, keiner beherrschen. Alles ist Geschenk und Herausforderung zugleich. Der Mensch kann die Zeit nur in Ehrfurcht vor Gottes unergründlichem Plan annehmen und in genau diesem Jetzt handeln: „Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu!“ (Kohelet 9,10).

So verbindet Kohelet existenzielle Melancholie mit einer klaren, tröstenden Einsicht: Das Leben, so flüchtig und unverfügbar es auch ist, gewinnt gerade in der bewussten Annahme seiner Vergänglichkeit seine eigentliche Tiefe und Schönheit. Nur wer sich dieser Wahrheit öffnet, erfährt die wahre conditio humana – das Menschsein in seiner ganzen Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit.




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