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Kohelet

"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben hat seine Stunde ...". Dies ist wohl der bekannteste Satz aus dem Buch Kohelet, welcher auch gern als Trauspruch gewählt wird. Doch verkennt man damit den spezifischen Charakter des Denkens Kohelets.

Kohelet ist ganz im Sinne der herkömmlichen Weisheitslehre ausgebildet worden. "Weisheit" bedeutet in diesem Sinne das Bemühen, die Wirklichkeit zu ordnen, zu erfassen, und zu erklären. Sie stellt Regeln auf, nach denen das Leben in allen seinen Facetten abläuft. Ein gelungenes Leben ist dem sicher, der diese Regeln kennt und sie einhält. Der Weisheitslehre liegt die optimistische Grundüberzeugung zugrunde, dass die Wirklichkeit denkerisch zu bewältigen ist.
Mit dieser Gewissheit bricht Kohelet radikal:
"Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne,“ lautet seine Ausgangsfrage. Alles ist nur "Windhauch", besonders der Versuch im Lauf der Welt irgendeinen Sinn zu entdecken. Kohelet zweifelt die Allmacht Gottes nicht an (3,14), aber "alles hat seine Zeit" (3,1-8). Diese ist dem Menschen unverfügbar. Die Gegenwart bricht über ihn herein, die Zukunft kann er nicht vorausberechnen. Durch Weisheit ist der Wille Gottes nicht zu erkennen : "Gott hat alles zu seiner Zeit auf vollkommende Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, dass Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte" (3,11). Da der Mensch Gottes Handeln nicht zu durchschauen vermag, kann sich ihm nur fügen und versuchen, aus dem, was Gott gegeben hat, das Beste für sich selbst zu machen: "Da merkte ich, daß es unter ihnen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und es gut zu haben im Leben" (3,12).
Doch trotz der Undurchschaubarkeit der Welt, der Unberechenbarkeit Gottes, der Vergänglichkeit und Begrenztheit aller geschöpflichen Dinge und geschichtlichen Ereignisse verfällt Kohelet nicht in eine hedonistische Haltung. Er rät einerseits zur Furcht Gottes, andererseits zum Genuss des Augenblicks. In der Gottesfurcht erkennt der Mensch die göttliche Allwirksamkeit an und akzeptiert die von Gott gesetzten Grenzen und zugeteilten Zeiten. Das Besondere an dieser Botschaft ist, dass Kohelet die von Gott geschenkten Glücksmomente in der bewussten Wahrnehmung von Alltäglichkeiten erkennt "Also: Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel ... Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch die er dir unter der Sonne geschenkt hat ..."  Aber es sind eben Tage "voll Windhauch" (9,7ff.). Jeder Augenblick ist nach Gottes Wille vorbestimmt. Diesen Augenblick kann der Mensch weder berechnen noch in den Griff bekommen. Er kann nur das ,was ihm jeweils gegeben wird, in "Furcht" annehmen. Jedes "Jetzt" ist die ihm gegebenen Zeit, in der er handeln muss: "Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu!"



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