Earth is coming up ...
von Ralf Mydlak
Dreihundertachtzigtausend Kilometer entfernt von ihrem Heimatplaneten schwebt die kleine Kommandokapsel zweihundert Kilometer über der trostlosen Oberfläche des Mondes. Vor genau 75 Stunden und 47 Minuten haben drei Astronauten ihre Erde verlassen. Es ist der 24. Dezember 1968, Heiligabend in der Mondumlaufbahn.
Bereits zum dritten Mal umkreisen Kommandant Frank Bormann und die Piloten James Lovell und William Anders den Mond. Alles wirkt vertraut. Routine, hundertfach geübt, jeder Handgriff sitzt.
Zu Beginn der vierten Umrundung richtet Bormann die Kapsel aus, um mithilfe der Sterne die genaue Position zu bestimmen. Langsam schiebt sich die mondgraue Oberfläche in das Blickfeld der kleinen Bullaugen – ein schmaler, grauer Streifen vor der endlosen Schwärze des Weltalls. Für einen Moment herrscht absolute Stille.
Dann, nach exakt 75 Stunden, 47 Minuten und 30 Sekunden, durchbricht ein Ruf die Enge der Kabine: „Oh my God!“ Sofort kommt Hektik auf. „Look at that picture over there!“, ruft einer der Astronauten begeistert. Über dem öden Mondhorizont schiebt sich ein strahlender weiß-blauer Streifen, in dessen Lichtschein langsam, fast zögernd, die Erde sichtbar wird. Wie eine winzige Murmel wirkt sie aus der Entfernung, kaum größer als ein Daumennagel. „Here's the Earth coming up. Wow, is that pretty!“
Kommandant Bormann greift sofort nach einer Kamera. „Hey, don't take that, it's not scheduled!“, scherzt Lovell. Doch Bormann lacht nur und drückt bereits ab. Dann bemerkt er, dass nur ein Schwarz-Weiß-Film eingelegt ist. „Jim, hast du einen Farbfilm? Schnell, gib mir 'nen Farbfilm!“
„Oh Mann, ist das herrlich!“, ruft Lovell. „Nun mach schon, beeil dich!“ „Moment, ich suche ja!“ „Schneller, sonst vermasseln wir’s!“ „Ich hab’s, hier ist er!“ „Komm schnell an mein Fenster, hier ist es klarer!“ „Hast du’s jetzt?“ „Yep!“ „Dann gib her, rasch!“ „Beruhige dich doch, Lovell.“
Schließlich ist es William Anders, der das berühmte Foto macht: die aufgehende Erde, ein Anblick, der alles verändert. Dieses eine Bild zeigt der Menschheit eindrucksvoll, wie winzig, wie zerbrechlich und allein unsere Erde in der Schwärze des Alls schwebt. Eine blau-weiße Murmel, gesprenkelt mit gelben und braunen Flecken. Vom lebenspendenden Grün oder der schützenden Atmosphäre ist aus dieser Perspektive nichts zu erkennen – viel zu dünn, viel zu verletzlich erscheint die Schutzhülle unseres Planeten. Eine Insel des Lebens, einsam im grenzenlosen Universum.
Eigentlich waren die drei Astronauten ausgezogen, um eine fremde Welt zu erkunden. Doch in Erinnerung bleibt vor allem dieses Bild ihres Heimatplaneten. Am Abend jenes Weihnachtsfestes 1968 melden sich die Raumfahrer für eine besondere Fernsehübertragung: „Für alle Menschen auf der Erde hat die Besatzung von Apollo 8 eine Botschaft.“ Dann lesen sie die Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament vor: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser...“ Ihre Botschaft endet mit den Worten: „Wir schließen mit einem gute Nacht, viel Glück, frohe Weihnachten und Gottes Segen für euch alle – euch alle auf der guten Erde.“
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